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VORBERICHT
Diese Erzählung wurde im Winter 1830 geschrieben, dreihundert Meilen von Paris entfernt. Viele Jahre zuvor, zu^der Zeit, als unsere Armeen Europa durchzogen, erhielt ich zufällig einen Quartierschein für das Haus eines Domherrn. In Padua war das, einer glücklidien Stadt, wo ebenso wie in Venedig das Vergnügen das wichtigste ist und einem keine Zeit läßt, sich über seinen Nachbarn zu ärgern. Mein Aufenthalt zog sich in die Länge, und der Domherr und ich wurden Freunde.
Als ich gegen Ende des Jahres 1830 wieder durch Padua kam, eilte ich zum Hause des guten Domherrn. Wohl wußte ich, daß er inzwischen gestorben war, aber ich wollte den Raum wiedersehen, in dem wir so viele angenehme Abende zugebracht hatten, nach denen ich mich seither so oft zurüdcgesehnt. Ich traf den Neffen des Domherrn und die Frau dieses Neffen an, die mich beide wie einen alten Freund empfingen. Einige Leute stellten sich nodi unvermutet ein, und wir trennten uns erst sehr spät. Der Neffe ließ aus dem Café Pedroti einen vortrefflidien Zabaione kommen. Was uns aber so lange beisammenhielt, war vor allem die Gesdiichte der Herzogin Sanseverina,^ auf die jemand anspielte und die mir zu Ehren vollständig zu erzählen der Neffe die Freundlichkeit hatte.
„In dem Land, in das ich reise", sagte ich zu meinen Freunden, „werde ich wohl kaum ein Haus wie dieses finden, und um mir die langen Abendstunden zu vertreiben, will ich das Leben eurer liebenswürdigen Herzogin Sanseverina zu einer Geschichte verarbeiten. Ich werde mir dabei euren alten Erzähler Bandello, den Bisdiof von Agen, zum Vorbild nehmen, der es für ein Verbrechen gehalten hätte, die wahren Begebenheiten seiner Geschichte außer acht zu lassen oder neue hinzuzufügen."
„Wenn es sich so verhält", meinte der Neffe, „werde ich Ihnen die Annalen meines Onkels leihen, der unter dem Schlagwort ,Parma' einige der Intrigen jenes Hofes aus der Zeit erwähnt, als die Herzogin dort tonangebend war; aber lassen Sie sich's gesagt sein: Diese Geschichte ist nidits weniger als moralisch, und da man in Frankreich jetzt seinen Stolz in evangeliengleiche Reinheit setzt, trägt sie Ihnen vielleicht den Ruf eines Ketzers ein."