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VORWORT
Am Abend des Lebens, geneigter Leser, die Aufgabe gestellt zu bekommen, die sdiönsten Erzählungen der deutschen Sprache in einem Volksbuch zu vereinigen, wen reizte es nicht? Wen beglüdite es nicht? Weldi ein herrlicher Auftrag, so dadite audi idi, ohne Besinnen, und begann unverzüglich, unter Zuhilfenahme meiner zehn Finger aus dem Kopfe aufzuzählen, was mir gerade so einfiel an Titeln und Namen der Meister: Der tolle Invalide von Arnim, Chamis-sos Peter Schlemihl, die mußten natürlich hinein, und dies und jenes durfte keinesfalls fehlen und - und Gemach! Denn sdion stellten sich Bedenken ein, unerwartete Hindernisse tauchten auf. Es fragte sich, was überhaupt unter einer »Erzählung« zu verstehen und warum sie der sdiönsten eine sei. Weiters, ob diese oder jene Geschichte nidit einen anderen Namen verdiene, eine »Novelle« riditiger heißen würde oder bereits ein »Roman«? Wir wollen nicht allzu spitzfindig sein und nidit darüber rechten. Aber über gewisse Schwierigkeiten kommen wir nidit so leicht hinweg, über den Umfang nämlich und die Art der Stoffe. Zudem merkt der Glücklidie, dem aus der Fülle der sdiönen Literatur zu sdiöp-fen erlaubt ist, mit Verwunderung, daß es gar nicht so viel »schönste Erzählungen« gibt, um das geplante Volks- oder Hausbuch so reich und bunt wie möglich zu gestalten. Man denkt vor allem nidit daran, daß zu der Fülle des Schönen die ganze Weltliteratur gehört. Es geht einem ein bißchen wie dem abgedankten Soldaten in Andersens Märchen vom Feuerzeug-, man wirft das Kupfer- und Silbergeld fort, um des Goldes willen, und vergißt womöglich das Beste: Das Feuerzeug, das einen instand setzt, durch einen Funkensdilag die literarischen Helfer herbeizubefehlen.
Die Beschränkung auf sedishundert bis siebenhundert Seiten hat ihre Berechtigung, aber es wäre falsch, zu meinen, daß sie die Auswahl erleiditern würde.
Sdilau, wie ich bin, habe ich diese Auswahl gleichsam als Gesellschaftsspiel betrieben, und die grundgesdieiten Mitspieler, kritische Köpfe, dachten gleich mir, daß die Aufgabe kinderleidit sei. Natürlich, sagten sie, muß Der tolle Invalide und so fort hinein. Zum Glüdi wurde eine große Anzahl von Erzählungen von allen gewünscht, die ich schon »hatte«. Manche meinten (und wußten es zu begründen), daß Goethe gar kein so bedeutender Erzähler sei, aber doch nicht fehlen dürfe.
Wie auch immer, ich habe mich um das Beste bestens bemüht, midi weder das Kurzweilige noch das zuweilen scheinbar Langweilige, in Wahrheit aber Klassische, mit aufzunehmen gescheut, wobei ich bewußt an die Kranken- und Ein-sdilaf-Lektüre dachte. Unheimliches mußte durch Heimeliges aufgehellt werden, Trauriges durch Heiteres, Tiefes durch Leichtes.
Wie gerne hätte ich von Kleist oder Keller beispielsweise zwei oder mehr Erzählungen hereingenommen, und wenn der eine oder andere Leser die eine oder andere Geschichte, zum Beispiel die beinahe von allen Befragten genannte Mar-
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