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Vorwort
Ein halbes Jahrhundert lang haben die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm an ihrer Sammlung der deutschen ,,Kinder- und Hausmärchen" gearbeitet; der erste, noch schmale Band kam gegen Ende des Jahres 1812 heraus, die zweibändige Ausgabe letzter Hand erschien 1857. Was in diesen fünf Jahrzehnten in hingebungsvoller wissenschaftlich-künstlerischer Kleinarbeit entstand, wurde wie kaum etwas anderes zu einem deutschen Volksbuch: erwachsen aus der uralten Tradition der schöpferischen Volksphantasie, zu rechter Zeit aus dem damals fast versiegenden Born mündlich überlieferter Poesie geschöpft und als gewichtiges Bildungsgut der Nation in einer gültigen Form aufbewahrt.
Das Märchen in seiner ursprünglichen Gestalt gehört sehr wahrscheinlich zu den ältesten Literaturgattungen, wenn nicht gar zu den ersten'Formen künstlerischen Ausdrucks überhaupt. Es reicht in seinen Anfängen weit in die Periode der Urgesellschaft zurück und spiegelt die frühesten Auseinandersetzungen des Menschen mit der ihn umgebenden ,,feindlichen" und ,,freundlichen" Natur. ,,Sie sind gewissermaßen Resultat des Volksglaubens", schrieb Johann Gottfried Herder 1777, ,,seiner sinnlichen Anschauung, Kräfte und Triebe, wo man träumt, weil man nicht weiß, glaubt, weil man nicht siehet, und mit der ganzen, unzerteilten und ungebildeten Seele würket; also ein großer Gegenstand für den Geschichtschreiber der Menschheit, den Poeten und Poetiker und Philosophen." In der Zeit der Klassengesellschaft verändern sich die alten Märchenformen, und neue Motive treten hinzu. Jahrhundertelang wird das Märchen nun zur wichtigsten literarischen Ausdrucksmöglichkeit des unterdrückten Volkes, besonders auf dem Lande. Daher lassen sich in der meist sehr handfesten Märchenethik, die immer wieder auf dem Gegensatz von gut und böse aufbaut und häufig genug Recht und Unrecht dafür einsetzt, selbst im phantastischen Gewand der Zauberei und des Wunders gesellschaftskritische und demokratische Züge erkennen (vgl. besonders Nr. 138, 162, 167 und 187).