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1. Literatur der Gegenwart und Literatur als Geschichte 1.1 Einleitung
Meine Monografie befasst sich mit dem spätesten Werk Rainer Maria Rilkes (1922-1926) und fragt danach, wieweit dieses Werk Verbindungsmöglichkeiten zur Welt- und Sprachgestaltung in unserer literarischen Gegenwart bieten kann. Das späteste Werk Rilkes umfasst sein extrazyklisches (oder anders genannt sein postzyklisches) Werk,' das parallel zu (und teilweise nach) den berühmtesten Zyklen seines Ouvres - den Duineser Elegien und den Sonetten an Orpheus - entstand, und besteht in deutscher Sprache vor allem aus Fragmenten. Seine neue Sprache, das Französische, inspirierte ihn zu weiteren lyrischen Zyklen.^ Ein sprachästhetisches Interesse, das vor allem nach der Wirkungsweise und nach dem ästhetischen Potenzial des lyrisch-poetischen Sprachgebrauchs fragt, motivierte mich zur vergleichenden Untersuchung von Rilkes Spätwerk mit dem lyrischen Werk des zeitgenössischen österreichischen Autors, Raoul Schrott. Diese Wahl ist in der parallelen Arbeitsweise begründet, und zwar unter den folgenden drei Aspekten. Die erste Parallele ergibt sich hinsichtlich der Natur-Thematik. Die zweite Parallele liefert die in den Texten wirkende Poetik und die dritte zeigt sich durch die Gemeinsamkeiten einer immanenten Poetik, die sich nicht selten im Verhältnis mit der Natur artikuliert. Gedichte, in denen eine immanente Poetik in statu nascendi erkennbar ist, werde ich im Folgenden poetologische Gedichte nennen.
Unter poetologischen Gedichten verstehe ich nicht „alle Gedichte, die sich entweder mit dem Dichter (seiner Aufgabe und Funktion), dem Dichten (dem schöpferischen Prozess und seinen Wegen) und mit dem Werk der Dichtung (seiner Form und seinen praktischen Mitteln) befassen",^ oder „alle Gedichte [ ], die ausschließlich oder unter anderem auf ihre eigene, ihnen gemäße Art Aussagen zur Poetik der Lyrik machen, zum Dichterbild, zum Schaffensprozess, zu Eigenart und Funktion der Dichtung, zu ihren formalen und sprachlichen Problemen und Möglichkeiten."" Ich fasse den Begriff etwas enger und verwende ihn für selbstteflexive Texte, die ihre Poetik nicht nur implizit, sondern immanent enthalten und auf performative Weise zum Ausdruck bringen. Diesen wesentlichen Unterschied legte Rolf Selbmann wie folgt fest:
Die immanente Poetik macht ihre poetologischen Einsichten genau in dem Text „dingfest", in dem sie fomiuliert sind. Ihre Formulierung ist zugleich ihre Exemplifizierung. Dabei ist es durchaus möglich, daß innerhalb einer immanenten Poetik imaginiert wird, was reflektorisch (noch) gar nicht entwickelt werden kann.'
1 Bei der Verwendung beider Begriffe stütze icli mich auf: Por: Voies hyperboliques, 12.
2 Mit dem Titel Vergers, Les Quatrames Valaisans und die Zyklen, die posthum erschienen sind: Les Fenetres, Les Roses
3 Hildebrand (Hg.): Poetologische Lyrik von Klopstock bis Grünbein, 3.
4 Oelmann: Deutsche poetologische Lyrik nach 1945: Ingeborg Bachmann, Günter Eich, Paul Celan, IV.
5 Selbmann: Dichterberuf, 3.