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»Hauspostille« - man denkt an Brecht als er jung war. Aber hier soll von Matthias Claudius die Rede sein und seiner Hauspostille, dem »Wandsbecker Boten«, der viermal in der Woche seit 1771 erschien - herausgegeben von einem Mann von einunddreißig Jahren. Es soll die Rede sein, was zu einer lebenslangen Hauspostille wurde zwischen 1775 und 1812, von »Asmus omnia sua secum portans oder sämtliche Werke des Wandsbecker Boten« in acht Teilen. Gibt es literarische Unschuld und hat sie mit Hauspostillen zu tun? Das Wort hört sich gut und häuslich und hausbacken an, ein Wort, hinterm Ofen zu sagen, kernfest und auf die Dauer. Nicht bei Brecht, wie man weiß. Aber zu sprechen ist von Claudius, der in einem anderen Jahrhundert lebte, im achtzehnten Jahrhundert und ins beginnende neunzehnte hinein. Manches, sehr vieles sah sich anders an. Sicherlich die Literatur. Auch die Menschen? Also diejenigen, die unter anderem auch Literatur schrieben und Zeitungen, Zeitschriften herausgaben?
»Ich liebe Matthias Claudius, und ich habe doch etwas gegen ihn. Eben weil ich ihn liebe, indem ich andererseits auch etwas ganz Bestimmtes wider ihn vorbringen muß, spreche ich über ihn«, sagte einmal Wolfgang Weyrauch, und er äußerte weiter: »Wenn ich vollkommen mit ihm übereinstimmte, gäbe es wohl nur ein Zuckerschlecken, und das wäre sicher recht öde.« Wir sind schon mitten in einer möglichen Schwierigkeit, bei jenem Zuckerschlek-ken, das man sich gut vorstellen kann, wenn man an Asmus denkt, und was er vorzubringen hatte oder doch vorzubringen schien. Viele haben diesen Zuckergeschmack auf der Zunge, jedenfalls einen freundlichen Geschmack, wie er zu einer »Unschuldswelt« passen mag, wie sie nicht nur von Zeitgenossen in Briefen und anderen Dokumenten damals konterfeit wurde, wenn sie an Bruder Claudius, an Gartenlaube und Rasenstück, an die große Kinderstube um ihn, an dieses Glück von Wandsbeck und nicht an die Schatten in Wandsbeck dachten. Man hat verehrendes Gedächtnis bis heute. Man sieht den frommen, einfachen oder sich einfach gebenden Mann, den Journalisten und Hausdichter für seine zahlreichen Freunde, weit über Wandsbeck hinaus. Man liest einige Sätze Hermann Hesses und ist möglicherweise bewegt, wenn auch aufmerksam genug, um nicht Rührung aufkommen lassen zu müssen, denn auch Hesse bemerkte etwas, bei aller Verehrung: die Grenze da und dort: der Person, ihres Horizonts, ihrer Absichten und ihrer Mitteilungen, ja, ihrer Gläubigkeit.