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VorwortÜber die Bewältigung der deutschen VergangenheitDiese Frage rückt allmählich, aber unvermeidlich in den Mittelpunkt aller wesentlichen Diskussionen. Offiziell, im weitesten Sinne des Wortes, wird ein solches Anliegen zwar, höflich oder grob, abgelehnt. Wenn etwa Schriftsteller in ihren Wünschen über eine bloße Verbesserung der Manipulation der öffentlichen Meinung hinausgehen wollen, werden sie als Pintscher, als dilettantische Ignoranten abgekanzelt. Aber so wenig zumeist solche Proteste klare, bis ans Ende durchgedachte Begründungen vorbringen können: diese Bewegung selbst scheint mit einer gewissen Unwiderstehlichkeit zu wachsen. Bolls Billard um halb zehn blieb seiner Wirkung nach noch eine achtungsvoll ignorierte Episode. Aber schon Hochliuths Stellvertreter durchbrach mit Vehemenz die Schweigemauer der Verantwortlichkeit auf dem Problemgebiet der Hitler-Zeit und konfrontierte die heute Lebenden mit ihr. Es ist nur allzu verständlich, daß dieser direkte vehemente Protest stärkere Erschütterungen, Entrüstungen und Abwehr auslöste als die konzentriert künstlerische Gestaltung der Berliner Antigone, in der die heutige deutsche Literatur zum erstenmal das Niveau des wirklichen Lebens, der letzten Briefe der zum Tode verurteilten Antifaschisten erreichte und wirklich europäisch - im Sinne von Sempruns Große Reise -wurde. Auch Peter Weiss' Entwicklung von der Skepsis des Marat-de-Sade-Dramas zum Auschwitzer Prozeß-Oratorium zeigt geistig eine ähnliche Richtung auf, in sachlich schroffem Gegensatz zu jenen Schriftstellern, bei denen, wie bei Martin Walser, der subjektiv eventuell vorhandene Weckruf durch psychologisch und artistisch ausgeklügelte Tiefe bewußt oder unbewußt abgelenkt und so akzeptabel gemacht wurde.Wenn jetzt aus meinem 1952 vollendeten Buch Die Zerstörung der Vernunft einige entscheidende Kapitel dem breiten Publikum zugänglich gemacht werden, möchte ich in aller Kürze doch seinen Zusammenhang mit dieser verspäteten, aber trotzdem einsetzenden Protestbewegung gegen das Erbe der Hitlerschen Vergangenheit Deutschlands andeuten. Natürlich ist im Buch selbst die Flächenausdehnung des Problems viel beengter. Ich spreche dort vorwiegend über Weltanschauungszusammenhänge, die im Deutschland des 19. Jahrhunderts den philosophischen Irrationalismus als objektive Vorbereitung der Hitlerzeit aufzeigen, wobei, der Sachlage entsprechend, der politische Gipfelpunkt mit dem Tiefpunkt an theoretischem und menschlichem Niveau zusammenfällt, ja schon die Erobe-7